Mittwoch, 2. November 2011

Dem Sohne nachgeeifert



Dass ich mich auf den Weg nach Frankfurt begeben habe, hat auch etwas mit der langen Vorgeschichte zu tun, die aber hier jetzt nicht direktes Thema sein sollte.
Nach längerer Pause und nur 8 Wochen (allerdings hammerharter) Vorbereitung sollte nach dem Prinzip "Phoenix aus der Asche" etwas gerissen werden. Eigentlich ja nicht, aber eigentlich dann doch. Das Ziel wurde von "Ankommen" über "unter 4h" und "na mal sehen" für mich persönlich auf "PB sollte drin sein" hochgeschraubt. Wie gesagt, für mich.
So startete am letzten Samstag wie an jedem letzten Oktobersamstag eine Delegation Wahnsinniger, Verrückter und anderer Bekloppter zu einem Ausflug in die Hessenmetropole, mit dem Ziel, einen Marathon zu laufen und vor allem, um Spaß zu haben. Während der Busfahrt gab es die üblichen Diskussionen und auch mein Renntempo war Thema. Nun ist das ja so eine Sache, was andere so denken, was am Ende machbar ist, ist der Punkt.
Nachdem wir superschnell in Frankfurt waren, ging es nach dem üblichen Messebesuch incl. Startunterlagen holen, Nudeln essen und bisschen Geld ausgeben ins Hotel, danach zum obligatorischen "Vorabendläufchen", für das unser Verein mittlerweile bekannt ist. Gelegenheit für mich, meinen Trainer mal zu fragen, was er sich denn so vorstellen würde, meine Zielzeit betreffend. Er meinte was von 3.20h, mit mehr Training wohl auch in Zukunft noch mehr. Ach du Scheiße, dachte ich, das ist doch nicht sein ernst, na mal sehen.
Es gab dann noch einmal Nudeln, dieses Mal aber "richtige", beim Italiener. Die Nacht war wieder viel zu lang, schon der Zeitumstellung wegen, aber so ist man wenigstens ausgeschlafen.
Der Blick aus dem Fenster verriet -verhangener Himmel und schön kühl, also – Laufwetter.
Dann Standardprozedur bezüglich Frühstück, Einpacken und Abfahrt zur Messe – fast. Denn als ich im Bus meine Startnummer vermisste, wurde mir schon ein bisschen anders. Also noch einmal ins Hotel, Karte geben lassen, Sprint in den zweiten Stock, Tür auf – und da lag sie ganz entspannt auf dem Tisch und grinst mich an. Wieder runter, Karte abgeben, rein in den Bus, Abfahrt. Alles zusammen in drei Minuten, Erwärmung also bereits absolviert.
Am Start war es sprichwörtlich wie in der Ölsardinenbüchse, ich saß auf dem Geländer und kam nicht in den Startblock. Im Nachhinein stellt sich wie immer die Frage, wofür es die Startblöcke gibt, wenn sowieso jeder steht, wo er will, aber egal, das ändert sich sowieso nie.
Nach dem Start stellte sich ein Tempo ein, was in Richtung 3.23h deutete, fand ich völlig in Ordnung. Die ersten Kilometer bin ich sowieso immer damit beschäftigt, mich irgendwie „zu finden“, ab km10 war das erledigt. Komischerweise hatte ich das ganze Rennen das Gefühl, ich hätte nichts trinken sollen, irgendwie bekam mir weder Wasser noch Iso. Meine 4 Gels schleppte ich das ganze Rennen mit mir rum und hatte eigentlich nie Lust, eins zu verbrauchen.
Bis zur HM-Marke lief es ganz gut, 1:41:01h, damit ein paar Sekunden schneller als 2009. Vom Tempo her war  es ganz entspannt, aber bis zum großen Loch war es nicht mehr weit. Bei km23 ging es los, totale Lustlosigkeit vermischt mit dem Gefühl, gleich aus den Latschen zu kippen. Eine (sehr laute) Stimme, die mich zum Pause machen aufrief. Aber ich hörte nicht hin, das ging ja wohl gar nicht, aufhören. Ich rief mir ins Gewissen, für wen ich hier eigentlich unterwegs war, schluckte den dicken Kloß runter, der sich sofort in meinem Hals bildete und lief weiter.
Das in mich reingezwungene Gel bei km25 erinnerte mich noch eine ganze Weile daran, dass es ein Fehler war, es zu nehmen. Wasser trinken war weiter ein Problem, Iso ließ ich besser gleich stehen.
Ab km28 war das mentale Loch bezwungen, auf zum letzten Drittel, ich bin ja eh so ein Etappenläufer, der sich durch das Rennen hangelt, mache ich schon im Training immer so. Am km35 war die Trainingsdistanz beendet, jetzt ging es an die Reserven, die Kilomteresplits wurden langsamer, waren aber noch im Limit – noch. Die Verpflegungsstellen ließ ich jetzt lieber aus, hat mir sowieso nichts gebracht. Wieder in der Innenstadt angekommen war auch dieser Lärm da, der mir eigentlich gar nicht hilft, kombiniert mit dem „Gestank“ von Würstchen- und Frittenbuden. Ich wollte nur noch ins Ziel, meine Waden schlugen „Gleich-gibt-es-einen-Krampf-Alarm“, Vorsicht war geboten. 3:25h waren noch drin, kurzer Blick auf die Uhr – nee doch nicht. Die Schritte wurden schwer, die Angst vor dem Wadenkrampf ließ mich einen abartigen Laufstil annehmen. Dann war sie da, die Straße in Richtung Festhalle, jetzt noch mal Gas geben, rein in die Festhalle, winken, über die Ziellinie laufen, Knopf an der Uhr drücken und mal ganz doll über das Gesicht wischen. Bestzeit war klar, aber genau waren es 3:25:02h, na also, passt. Mental war es, wie so oft, schwerer zu bewältigen, als körperlich, aber mal richtig „in den Arsch treten“ zwischendurch bewirkt echt Wunder. Man muss eben kämpfen - danke Digger, hast mir sehr geholfen.
Tolles Wochenende, wie immer perfekt organisiert (vielen Dank dafür), viel Spaß gehabt, schöner Lauf mit dem Beweis – Es geht noch.

Kommentare:

sachsenwilli hat gesagt…

Es freut mich sehr für Dich (und nicht nur für Dich), dass Du einen so tollen Lauf hingelegt hast. Mentale Stärke ist viel schwerer zu bekommen als körperliche, aber wenn man beides hat, dann umso schöner. Also genieße Deinen "Triumph" in der schönsten Nebensächlichkeit der Welt.

Anonym hat gesagt…

Das war doch mal eine Vorlage für den Sohn. Weiter so, beide!
Und schön, dass auch andere manchmal bereits bei Halbzeit an "totaler Lustlosigkeit" laborieren.

Ich freue mich auf die nächste gemeinsame Einheit (noch vor dem 21.01.)

Grüße aus HH, Martin